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Mittwoch, 17. Oktober 2018
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J.v.Lierde: Über P.E.Lumumba

en francais

ÜBER PATRICE LUMUMBA


Von Jean van Lierde, Brüssel (1926-2006)


Daß Patrice Lumumba ein Schwarzer war, war ein wesentliches Element seiner Wahrnehmung und seiner Verwurzelung, welches ihm ermöglichte, seine Brüder für einen universellen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu sensibilisieren. Darin unterschied er sich in einzigartiger Weise von den meisten anderen Führern, und das war auch die Ursache für die Koalition der „modérés“ - der „Gemäßigten“, die ihn später ermordeten, mit der Billigung der europäischen Herrscher von gestern, welche von diesem Augenblick an, im Kongo und in ganz Afrika, das Zeitalter des Neo-Kolonialismus und der teilweisen Wiedereroberung einleiteten.

In einem Punkt jedoch stimmten seine Ansichten vollkommen mit denen Belgiens überein: es war die Entscheidung für eine einheitliche Republik, die er ohne Unterlaß proklamierte und die im übrigen die natürliche Folge seines Kampfes gegen die Stammesfehden und den Sezessionsimums war (ferngelenkt durch Brüssel).

Das Drama dieses Mannes, der ein Freund der Belgier war, war, daß diese ihn für einen gefährlichen Agitator mit kommunistischer Tendenz hielten, obwohl er ein „Liberaler“ war, auf dessen Seite Minister Buissart [ehemaliger Kolonialminister Belgiens] stand, den er als seinen Kampfgenossen betrachtete; aber auch, weil niemand direkten Einfluß auf ihn hatte, in dem Sinn, daß man auf seine „Assimilation“ an die Pseude-Unabhängigkeit hoffen konnte. Erinnere man sich an den Schulstreit zwischen der staatlichen Schule und dem kirchlichen Unterricht! Aber auch innerhalb der Kirche an die Kämpfe, die ich mit Jules Chômé um die Anerkennung der seit 1920 eingekerkerten Kimbanguisten geführt habe.... mit ihrem Propheten Simon Kimbangu.

Die Kongolesische Nationalbewegung (M.N.C.) hatte die Wahl von 1960 gewonnen. Die belgische Regierung, ebenso wie das Königshaus, waren am Vorabend des 30. Juni beunruhigt. Der Minister Walter Ganshof von der Meersch befürchtete, man könne ich eine Sackgasse geraten. Er ist es – das enthülle ich hier nach vielen Jahren – der die Sûreté, die Sicherheitspolizei veranlaßt hatte, das Aufenthaltsverbot aufzuheben, das ich für den Kongo hatte. Auf diese Weise konnte ich vor Ort an allen Verhandlungen über die erste kongolesische Regierung teilnehmen und den Verlauf verfolgen.... Kameraden, was war das für eine Zeit! Zweifellos werde ich eines Tages über diese entscheidenden Wochen „Randglossen“ schreiben, denn der CRISP (= Centre de Recherce et d'Information Sociale et Politique. Der Text bezieht sich auf die Kongo-Jahrbücher des Instituts, J.v.Lierde war jahrelang Sekretär von CRISP) konnte nicht alles beschreiben in seiner wunderbaren Sammlung. Habe ich, als Kämpfer recht gehabt, Patrice Lumumba zu überreden, eher Premierminister zu werden als Präsident der Republik, anstelle von Kasa-Vubu, der ihn ab September 1960 absetzen wird? Wäre es sonst möglich gewesen, den „Abako“ und die anderen Parteien zusammenzubringen, ohne diese Entscheidung? Man hat die Freiheit darüber zu diskutieren... Man kann die konkrete Geschichte niemals neu beginnen.

Dann, eines Abends, erhalten wir im Büro von Patrice, wo ich mich mit Pierre Duvivier aufhielt, paternalistische Texte vom König und von Kasa-Vubu für die Zeremonie am 30. Juni. Ich kann heute sagen, daß es mir nicht schwerfiel, Patrice zu überreden, das betreffende Protokoll zu brechen und vor der Menschenmenge im Parlament das Mikrophon zu ergreifen, um auf undiplomatische Weise dem Volk eine Vision der Hoffnung einzuflößen. Die reaktionäre Presse hat mir vorgeworfen, diesen Text verfaßt zu haben, was nicht stimmt, denn die Kolonialherren wollten nicht glauben, daß Patrice Lumumba imstande wäre, stundenlang zu schreiben und zu sprechen. Und es war diese ganze wunderbare Rede vom 30. Juni 1960, vor dem König und den Diplomaten der ganzen Welt, die die Konzentriertheit seiner Gedanken zeigte. Für Patrice war der 30. Juni nicht ein von der Gnade der Regierungen von gestern „erzwungener“ Sieg, sondern die Frucht eines friedlichen Kampfes und einer gewaltlosen Einstellung, deren Sinn und Bedeutung herauszufinden ihm oblag, und zwar sowohl die Frucht eines friedlichen Kampfes und einer gewaltlosen Einstellung, deren Sinn und Bedeutung herauszufinden ihm oblag, und zwar sowohl für sein Volk als auch für die anderen Länder. Niemand hat sich täuschen lassen, einschließlich General Janssen, der zwei Meter von mir entfernt saß, dessen Schnurrbart vor Wut und Ohnmacht zitterte, als der König und sein Hofstaat vor diesem unerwarteten Ereignis erbleichten, welches die afro-asiatische und antikolonialistische Welt in einen Sturm der Begeisterung ausbrechen ließ.

Aber beim folgenden Dinner rückte Patrice Lumumba als guter Stratege seinen Schachzug zurecht und erinnerte an alles, was das Volk den Kolonisatoren verdankte; wenn er das nicht getan hätte, hätten der König und seine Minister sofort das Flugzeug genommen, um die Rückreise anzutreten. Einige Tage später jedoch begann das Unheil, durch die Revolte der „Force Publique“, nicht gegen die Weißen, sondern gegen die Regierung, denn der berühmte General Janssen hatte auf eine Tafel geschrieben, die er vor den Mannschaften aufstellte; „Avant l'indépendance égal après l'indépendance“ - Durch die Unabhängigkeit hat sich nichts geändert.

Wenn man die belgische und internationale Presse von 1960 liest, ist man erstaunt zu sehen, bis zu welchem Punkt Patrice die Balance zwischen den Weltmächten und der UNO hielt. So sehr er von den einen verflucht wurde, umso mehr verköperte er die Hoffnung der Menschen der Dritten Welt.

Wenn man eine „Discours“ (Reden) wieder liest oder die Ereignisse um die Zeit seiner Ermordung, findet man überall das außergewöhnliche Format und die Intelligenz eines „Führers“, für den die „Parole“ [das Wort] geheiligt ist. Das ging so weit, daß er sich manchmal vorstellte, das Wort allein genüge zum Regieren! Das war die Kehrseite seiner Macht, denn das Wort schien immer zu bezeugen, daß die Massen durch seinen Blick angezogen würden, und doch war er oft einsam und lud sich so viele Aufgaben auf seine Schultern, die er besser seinen Mitarbeitern anvertraut hätte.

Aber wer, außer seinen engen Freunden, könnte bessser ermessen, wie großartig dieses Unternehmen des Patrice Lumumba war, der plötzlich in eine ungeheure Verantwortung hineingeworfen und dabei von äußeren und inneren Gegnern bekämpft wurde, und der in dieser stürmischen Zeit einen einheitlichen Kongostaat schaffen wollte, der nach seinem Wunsch ein Modell für die künftige afrikanische Revolution werden sollte.

Seine Ermordung am 17. Januar 1961 wurde von allen Armen und Gedemütigten der ganzen Welt bedauert. Es war wie die Bestrafung seines unerschrockenen Humanismus, seines politischen Muts, seines Freiheitsstrebens, aber auch des kulturellen Durchbruchs, den er in diesem Bantu-Gebiet betrieb, das noch durch den drückenden Kolonialismus verdunkelt war. Er ist in die Geschichte eingegangen wie ein Meteor, der auf den Lippen aller Verfechter des Konservatismus einen Geschmack von Asche hinterlassen hat, aber der Geschichte des Kongos ein entscheidendes Zeichen gesetzt hat, an welchem sein Volk und die Welt der Schwarzen durch ihn die Morgenröte eines neuen Zeitalters erkennen können.

Darum bleibt Patrice Lumumba keine „legendäre“ Figur, sondern ist ein Keim der Fruchtbarkeit für die nach Gerechtigkeit und Frieden dürstende Jugend. Das ist das Bild des Mannes, den die Geschichte schon zitiert und seine Erinnerung wach hält, selbst wenn er in unserem Land und dem Seinigen noch umstritten und unverstanden ist.

(Erstveröffentlichung: DER PAZIFIST – Hefte für Völkerrecht und Arbeit für den Frieden, Ausgabe November/Dezember 1993, hrsg. von © Dialog International. Übersetzung: Heidi u. Georg W.Schimpf)